[Gastbeitrag] Über Videospielluxus und den Gamer Pile of Shame

Bei nachfolgendem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag von Phinphin:


Viele von euch kennen sicherlich den sogenannten „Gamer Pile of Shame“. Dutzende Spiele, die man sich zwar irgendwann mal gekauft hat, die man aber nie beendet – manche sogar noch nicht mal installiert hat. Oft sind gerade Angebote wie der Steam-Sale für viele so verlockend, dass man sich Spiele kauft (sind ja immerhin um 75% reduziert!!!!) für die man im Nachhinein vielleicht nicht mehr so das große Interesse hat. 

Wenn ich mir meine Steambibliothek so ansehen, muss ich aber zugeben, dass ein grundsätzliches Interesse eigentlich schon da ist – auch heute noch. Gerade viele Indie-Titel habe ich mir deswegen gekauft, weil sie von anderen Spielern und der Presse gelobt worden sind und in den Beschreibungen / Videos auch sehr ansprechend aussahen. Wieso habe ich sie nach dem Kauf trotzdem nie ernsthaft angefasst? 

Sicher hat da jeder seine ganz eigenen Gründe: Zeitmangel, andere Spiele sind derzeit interessanter oder man hat gerade keine Lust auf das Genre. Mein Grund ist aber viel gravierender: Bloß „ansprechend“ zu sein ist für mich nicht ansprechend genug – ich bin verwöhnt.

In den 90ern war ich Stammleser bei Gamestar. Da gabs – wie heute auch – zu jedem Heft eine entsprechende CD mit Videos, Patches und Demos (die heißen heute „Open-Betas“) zu Neuveröffentlichungen. Damals stellte sich mir die Frage gar nicht, welche Demo ich installiere. Denn ich habe immer alle Demos gespielt. Egal ob RPG oder Formel 1-Spiel. Egal ob komplexe Wirtschaftssimulation oder TopdownShooter. Heutzutage blättere ich ein Gamingmagazin durch und denke mir „Langweilig, langweilig, langweilig“. Egal ob es sich bei den Spielen um moderne Toptitel handelt oder um irgendwelche Gurken.

Da komm ich mir manchmal wirklich vor, wie ein überkritischer Restaurantkritiker, der buchstäblich jedes Haar in der Suppe sucht. Oder der die Suppe noch nicht mal probiert, weil er sich denkt: Sieht schon auf der Speisekarte scheiße aus. Kennt einer von euch den kommenden Titel „No Man‘s Sky“? Ich werde das Spiel vermutlich nie spielen, obwohl ich absoluter Weltraumfan bin und ich die Grafik extrem ansprechend finde. Und wieso das Ganze? Weil ich bei Elite:Dangerous gemerkt habe, wie langweilig prozedural (automatisch und nicht mit der Hand) generierte Spielinhalte sein können. Das muss nicht heißen, dass es bei No Man’s Sky genauso sein wird. Aber bevor ich 40 Euro in den Sand setze, kauf ich mir lieber den 5. Teil von Battlefield. Denn bei diesem Spielprinzip / Gameplay hab ich noch nie danebengelegen.

Ich habe in den letzten 25 Jahren vermutlich über 1.000 Spiele gespielt. Irgendwann beginnt dann wohl die Zeit, in der man denkt, man hätte eh schon alles gesehen und erlebt. Man wüsste ohne es zu spielen genau, ob sich das Spiel lohnt oder nicht. Auf Experimente hat man keinen Bock und Spieleserien die es ein Mal vergeigt haben (R.I.P. Call of Duty), bekommen eh keine Chance mehr. Dann endet man meistens so wie ich und spielt (fast) nur noch Blizzard-Titel.

Andere Entwickler können sich zwar trotzdem freuen, da ich mir deren Spiele kaufen werde, sobald ein fettes Angebotsschild daneben steht, aber dennoch werde ich spieletechnisch von Jahr zu Jahr beschränkter. Selbst wenn ich mich mal dazu aufrapple einen hochgelobten Indie-Titel zu installieren und ein bisschen Probe zu spielen, vergeht mir meist nach wenigen Minuten die Lust. Und nicht mal deswegen, weil das Spiel schlecht ist. Sondern einfach nur weil ich mittlerweile alles, was keine 10/10 ist, unterbewusst als Zeitverschwendung ansehe. Wo ist denn der Phinphin geblieben, der damals 1995 mit brennender Leidenschaft überlegt hat, ob er sich im Spiel „Klomanager“ für Keramik- oder doch lieber für Marmor-Kloschüsseln entscheiden sollte? Der liegt wahrscheinlich irgendwo unter dem Pile of Shame begraben.

Phinphin: Mittlerweile junge, süße 29 Jahre alt, immer auf der Suche nach dem perfekten Videospiel und tollen Blogs. Mag schwarzen / versauten Humor und freut sich über den Porno, der kürzlich mit Google Glass aufgenommen wurde.
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Über Nonsense Entertainment

Hinter Nonsense Entertainment verbirgt sich Vollzeitgeek, Motion Picture-Enthusiastin und Internetfreundin Sarah Weiher. Besonders gerne befasst sie sich mit der Internetkultur, Rollenspielen, Science Fiction-Literatur, Netflix Serien und dem Storytelling.

11 Kommentare:

  1. Mit dem Artikel hast du bei mir wirklich einen Nerv getroffen. Ich ertappe mich viel zu oft dabei, wie ich Spiele ablehne, ohne mich überhaupt großartig darauf eingelassen zu haben. Gleichzeitig stehen aber auch bei mir noch viele Spiele rum, die ich noch gar nicht angezockt habe. Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, ich bin viel zu verwöhnt was das Zocken angeht. ^-^' Schade eigentlich, denn so gehen auch viele großartige Titel unter.
    Danke für den Denkanstoß und den wirklich tollen Artikel. :)

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  2. Absolute Zustimmung! Das Problem in unserem Alter ist wohl irgendwie, dass wir jetzt zwar Geld haben aber keine Zeit mehr :(
    Und natuerlich der ewige Sammeltrieb ^^'

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  3. Also ich bin echt froh, nicht so zu empfinden. Ich spiele wohl ähnlich lang und habe wohl auch ähnlich viel gespielt. Trotzdem erkunde ich bis heute unglaublich gern neue Welten. Egal ob AAA oder Indie, ich liebe neue Konzepte, Ideen, Anstöße, etc.

    No Man´s Sky steht bei mir btw sehr hoch im Kurs. Wird zu Release gekauft, weil ich neugierig bin.

    Ich kann mich heute sogar für viel mehr Genres und Arten von Spielen begeistern, als es früher der Fall war. O.k. ... einige Dinge mag ich nach wie vor nicht und andere mag ich inzwischen nicht mehr. Aber insgesamt hat sich mein Horizont deutlich erweitert. Ich habe mir allerdings abgewöhnt, Erwartungen zu haben. Ich nehme einfach, was ich bekomme, ohne mir vorher selbst zu viel auszumalen.

    Bei No Man´s Sky weiß ich zum Beispiel bis heute nicht viel über das Spiel. Nur genug, um es interessant zu finden. Ich bin total gespannt, was mich da erwarten wird. :o

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    1. Gerade wenn ich nur wenig über das Spiel weiß, werde ich zu misstrauisch und zu geizig. Ich war auch nur ein Mal in meinem Leben in einer Kinosneakpeak. Der Film war totaler Mist und seitdem verzichte ich auf die Sneakpeaks, obwohl viele in meinem Freundeskreis die sehr aufregend finden.

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    2. Naja, Kino gehe ich eh selten. Eigentlich meist zu Marvel-Filmen. :D

      Aber bei Spielen muss ich nicht zig Gameplayvideos sehen, etc. Manchmal reicht mir schon das Genre als Orientierung, oder aber auch Bilder. Manches habe ich tatsächlich nur wegen Screenshots auf der Steamseite von Spielen gekauft. Was bisher immer am Ende gepasst hat. :D

      Je mehr man sich mit einem Spiel befasst, desto mehr malt man sich dann diese Dinge auch aus. Man hat dann irgendwann ganz genaue Vorstellungen, wie´s im Spiel abläuft. Wenn da dann was doch ganz anders kommt, ist man schnell enttäuscht. Dieses Risiko spare ich mir einfach, indem ich möglichst viele Informationen von mir fernhalte.

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  4. Sind das deine Games oben in dem Screenshot? Da sind richtig coole dabei! c:

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    1. Nein, der Screenshot stammt von Phinphin. :) Das mit den Games sehe ich allerdings trotzdem genauso wie du. :D

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    2. Danke. Der Screenshot stammt aber auch nicht von mir, sondern von der Googlesuche. Bis auf den Trainsimulator habe ich aber trotzdem alle Spiele auf dem Bild + noch zahlreiche andere :D

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  5. Ja, man ist verwöhnt. Allerdings glaube ich, dass man damals wohl auch noch nicht so überschwemmt wurde mit Spielen und Infos dazu. Da hat man genommen, was man kriegen konnte. Ich sollte mich vielleicht auch mal etwas in Zurückhaltung üben. Zu meiner Schande haben einige meiner Spiele sogar noch Folie um ihren zarten Plastikkörper. ^-^
    Ich persönlich finde eine Liste bzw. in meinem Fall Programm, in dem man seine gespielten Games einträgt sehr motivierend. Nur Spiele, die ich durchgespielt, also meist zu 100% kommen in die Liste und ich freue mich wenn die Zahl wächst. Allerdings habe ich da auch ein großes Problem, was dass Anspielen von Spielen angeht. Meine Zahl liegt bei über 600 abgeschlossenen Titeln aber leider weit über 3000 angespielte und nie wieder angefasste Spiele. Ich denke dann auch immer "Ach, ist langweilig. Vielleicht später." und möchte lieber Zeit mit Spielen verbringen, die mich wirklich berühren und Spaß machen. Schließlich will man seine Zeit auch sinnvoll nutzen. Durch den Blog hat sich das wenigstens etwas gelegt, denn zur Not kommt zu einem schlechten Spiel immer noch eine Rezension dabei herum.
    Wenn ich mal dahinter komme, dass ein für mich interessantes Spiel herauskommt, dann freue ich mich tierisch, aber lege es nach ein paar Spielstunden dann wieder aus der Hand. Ich hoffe, dass ich irgendwann meinen Pile of Shame abarbeiten kann - was sowieso nicht passieren wird. Denn diese hübschen Haufen ziehen sich ja nicht nur durch den Gaming-Bereich. Da sind ja noch die neusten Serienstaffeln und Filme, da liegen noch ungelesene Comics/Manga/Bücher und und und. Durch diese breite Masse an Medien mutet man sich manchmal glaube ich auch zu viel zu.

    Ein sehr guter Gastbeitrag, der ein zum Nachdenken über die eigenen Gewohnheiten bringt!

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    1. Ja, damals gabs wirklich weniger Spiele. Ich mache aber nicht die geringe Auswahl dafür verantwortlich, dass ich damals nicht so verwöhnt war, wie heute. Sondern eher die Tatsache, dass ich einfach jedes Genre und jedes Spielkonzept mal ausprobieren wollte, um fastzustellen, was mir gefällt und was nicht. Meine Tochter beißt derzeit schließlich auch in alles rein, um zu überprüfen, obs essbar ist oder nicht ;-)

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  6. Ich bin wirklich froh, dass ich mir über all die Jahre doch noch ein wenig die Faszination für das Medium bewahren konnte. Klar, mit den Augen eines Kindes/Jugendlichen sieht man Videospiele nie wieder, aber auch heute noch sehe ich regelmäßig Spiele, die mich auf irgendeine Art umhauen. Dass in meiner Steam Library mehr als 3000 andere Spiele nur einen Klick entfernt sind, hält mich auch selten davon ab, mich intensiv mit einem Spiel zu beschäftigen. Solange es nicht echt furchtbar ist, spiele ich es in der Regel auch durch. Ich verstehe aber total, dass dieses Überangebot auch nicht immer förderlich ist.

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