Harry Potter and the Cursed Child [Rezension]


Vor rund einem Monat erschien Harry Potter and the Cursed Child in den Buchhandlungen. Das dazugehörige Theaterstück feierte überaus erfolgreich seine Premiere in London und die ersten Gerüchte um weitere Filmfortsetzungen rund um Harry machten ihre Runden. Wieso folgt diese Rezension also erst jetzt? Es bricht mir, als wohl größter Harry Potter-Fan südöstlich von Askaban, das Herz, sagen zu müssen, dass mir das Lesen des Buches unglaublich schwer gefallen ist.

Harry Potter und die Geschichten von J.K. Rowling haben mich seit meiner frühsten Kindheit begeistert, gefesselt und maßgeblich geprägt. Als ich mit fünf Jahren in die Schule kam, trat auch Harry seinen ersten Schultag an. Ich habe in den Schultoiletten die Kammer des Schreckens gesucht, mit elf Jahren gebetet, einen Brief aus Hogwarts zu bekommen und gleichzeitig mit Harrys letztem Film die Schule beendet. Es war eine magische Kindheit, für die ich dankbar bin. Eine solche magische und fantastische Kindheit gehabt zu haben, können Harry Potter and the Cursed Child die Kinder des Auserwählten nicht von sich behaupten.

Die Story
Unsere Geschichte setzt neunzehn Jahre (beziehungsweise zweiundzwanzig Jahre) später an. Harry, Ron und Hermine sind in ihren Vierzigern, stehen im Berufsleben und es ist nun an ihren Kindern, in die Schule zu gehen und Abenteuer zu erleben. Doch im Schatten von dem berühmten Harry Potter zu stehen, fällt nicht allen von Harrys Kindern leicht. Gerade sein jüngster Sohn, Albus Severus Potter, hat damit sehr zu kämpfen. Wir durchleben Albus' erste drei Hogwartsjahre im Schnelldurchlauf. [Spoiler] Die Entscheidung, Albus nicht nach Gryffindor, sondern nach Slytherin zu schicken, fand ich großartig. Ebenso die Entscheidung, ihn eine enge Freundschaft mit dem Sohn von Draco Malfoy schließen zu lassen. Absolut gar nicht hingegen gefiel mir, dass in dem Buch das Gerücht im Buch herrscht, Scorpius Malfoy sei der Sohn von Voldemort. [Spoiler Ende] Dass die Geschichte jedoch aus eben diesen Gründen früher oder später eine Wendung nehmen müsste, war abzusehen. Die Story entpuppt sich als wildes Zeitreise-und Familiendrama, das für Zauberei kaum Platz bietet.

Das Problem mit den Zeitreisen
Von Anfang an war die Idee mit den Zeitreisen in den Büchern eine furchtbare Idee. Es hatte seine Gründe, weshalb J.K. Rowling nach Harry Potter und der Gefangene von Askaban den Zeitumdreher nicht mehr erwähnte. Schließlich hätte es in den nachfolgenden Bänden jedes einzige Voldemort-Problem lösen können und jedem Charakter (wie auch Sirius im dritten Band) das Leben retten können. Das Problem von Harry Potter and the Cursed Child ist, dass es sich gänzlich auf die Zeitreisen stützt und nur damit funktioniert. [Spoiler] Mir, als Harry Potter Fan, haben sich die Haare gesträubt, lesen zu müssen, wie plötzlich mirnichtsdirnichts die Vergangenheit verdreht wurde und somit, vorläufig, alle Handlungsstränge der Bücher irrelevant gemacht wurden. [Spoiler Ende]

Charaktere ausradiert
Besonders schade fand ich, dass James Sirius und Lily Luna Potter in dem Buch gar keinen Platz gefunden haben. Das, obwohl es sich in erster Linie um ein Familiendrama handelt. Leser, die nicht so tief in der Materie sind wie ich, würden wohl meinen, es gäbe keine weiteren Weasley-Potter Kinder. Auch Hugo Weasley, der Sohn von Hermine und Ron, wurde in der Geschichte gänzlich außer Acht gelassen. Viel zu viele Charaktere wurden meiner Meinung nach einfach ausradiert. Mir ist bewusst, dass es sich bei dem Buch um ein Drama für ein Theaterstück handelt und zu viele Charaktere auf der Bühne den Zuschauer verwirren könnten, doch das ausradieren so vieler bedeutsamer Charaktere kam mir an keinem Punkt des Buches akzeptabel vor. Vor allem, da diese nicht einmal in den Dialogen Platz fanden. Sie wurden gänzlich ignoriert.

Fakten verdreht
Zugegeben, das meiste Wissen, dass vor Harry Potter and the Cursed Child über die Zukunft des goldenen Trios kursierte, entstammte aus diversen unterschiedlichen Interviews von J.K. Rowling und das geschriebene Wort mag mächtiger sein als das gesprochene. Nichts desto trotz haben sich Fans der Geschichten, mich eingeschlossen, auf diese Fakten Jahre lang gestützt und uns auf ihnen basierend Harrys Zukunt vorgestellt. [Spoiler] Dementsprechend enttäuscht und frustriert war ich, als in Harry Potter and the Cursed Child Harry's Narbe urplötzlich doch wieder anfängt zu schmerzen und er doch wieder Parsel sprechen kann. [Spoiler Ende] Die Erklärungen im Buch zu diesen Punkten waren äußerst dürftig und aus der Luft gegriffen.

Diese Sache mit Voldemort
[Spoiler] Als bereits zu Beginn des Buches die Rede von Voldemorts Kind war, hätte ich das Buch am liebsten wieder zugeschlagen. Nichts, was wir in all den Jahren über diesen dunklen Zauberer gelernt haben, liese es auch nur im entferntesten zu, dass er ein Kind haben könnte. Das widerspricht allen Theorien und Aussagen über ihn, die gleichzeitig der Grund dafür sind, weshalb er so ein schwarzer Magier ist. Es widerspricht außerdem Voldemorts Vergangenheit, der, nachdem seine Mutter ihn einsam gebar und fort gab, wohl als letztes an eigene Kinder gedacht haben dürfte, so voller Menschenhass er doch war.
Bellatrix bezeichnet sich selbst als die treueste Dienerin des Dunklen Lords und rühmt sich, von ihm persönlich die "unverzeihlichen Flüche" gelernt zu haben. Ihre Reaktionen machen immer deutlicher, dass Bellatrix ihrem Meister nicht nur gesinnungshalber bedingungslos ergeben ist, sondern ihn fanatisch liebt. - harry-potter.wikia.com
Eine Liebe, die Voldemort nie erwiderte! Die Vorstellung, dass er und sie zusammen ein Kind haben und Voldemort sich noch die Mühe machte, es geheim zu halten, ist derart absurd, dass ich diese Tatsache im Grunde nicht akzeptieren kann. Vor allem ist das Kind das dabei entstand, so ein skuriller und unglaubwürdiger Charakter, dass er mir weder Angst einjagte, noch dass ich ihn als bösen Endgegner ernst nehmen konnte. Die Sache mit Voldemort ist wirklich eine der schlechtesten Entscheidungen J.K. Rowlings in diesem Drama. [Spoiler Ende]

Der Erzählstil
- ist wie gewohnt wunderbar. J.K. Rowling kann, meiner Meinung nach, einfach gut schreiben und ihre Gedanken und Ideen auch in bloßen Dialogen gut widergeben. Das Problem mit dem Buch ist nicht der Schreibstil, sondern die Form. Bei allen andere Harry Potter Büchern handelte es sich bislang um Jugendromane, während wir hier ein Drama vor uns haben. In allen anderen Geschichten bleiben wir ununterbrochen bei Harry, in Harrys Gedankenwelt und bei Harrys Taten. Was währenddessen bei anderen Charakteren vorging wussten wir nicht und das machte die Romane so spannend. In diesem Drama haben wir Einblick in alles und jeden, was die Geschichte für eine Harry Potter-Fortsetzung so ungewohnt und  gewöhnungsbedürftig macht. 

Das Positive
Wenn man außer Acht lässt, dass die Hälfte von Harrys Familie in dem Drama keinen Platz gefunden hat, ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn und des Erwachsen werdens wirklich schön erzählt und zeigt viele Facetten des Alterns auf. Die Geschichte hat mich auf eine süßlich-schmerzliche Weise daran erinnert, jetzt selbst erwachsen geworden zu sein. An manchen Stellen fiel es mir, ebenso wie den Charakteren, sehr schwer, das zu akzeptieren, was es mir wiederrum einfacher machte, mich in deren Gefühlswelten hinein zu versetzen.

Schlussendlich muss ich zusamenfassen: Harry Potter and the Cursed Child hat nichts mehr mit einer magischen Geschichte rund um Hexerei und Zauberei zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein, an vielen Stellen leider unlogisches, Zeitreise-Familiendrama, dessen ganzen Handlung am Ende des Buches irrelevant war. Obwohl J.K. Rowling sich, so weit das bei Dialogen möglich ist, ihren Humor und ihren Schreibstil bewahrt hat, hat mir das Lesen des Buches an vielen Stellen keine Freude bereitet und ich hoffe inständig, dass keine Filme mehr erscheinen werden und das Franchise nicht weiter ausgeschlachtet wird. Es bricht mir wirklich das Herz, einem Teil des Harry Potter Universums diese Bewertung geben zu müssen: 

Nonsense-Bewertung: 2 von 5 Punkten
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Über Nonsense Entertainment

Hinter Nonsense Entertainment verbirgt sich Vollzeitgeek, Motion Picture-Enthusiastin und Internetfreundin Sarah Weiher. Besonders gerne befasst sie sich mit der Internetkultur, Rollenspielen, Science Fiction-Literatur, Netflix Serien und dem Storytelling.

2 Kommentare:

  1. Du sprichst mir so sehr aus der Seele! Ich muss zugeben, ich habe the cursed child noch nicht gelesen, da mich die Zusammenfassung, die ich mal überflogen habe, ziemlich abgeschreckt hat. Die Sache mit den Zeitreisen stört mich genau so wie dich nämlich gewaltig. JKR hat selbst gesagt, dass sie die Erfindung der Zeitumkehrer bereut und in OotP hat sie auch sämtliche vernichtet - warum wird das Thema jetzt wieder als Haupthandlung aufgegriffen? Auch die Tatsache, dass Voldemort ein Kind haben soll, erscheint mir mehr als unglaubwürdig. Viele Plotelemente klingen für mich, als seien sie der FanFiction eines 12-jährigen, seeehr fantasievollen Potterheads entsprungen, der nicht allzu viel auf Logik gibt. Ich werde das Buch deshalb wahrscheinlich auch nicht lesen. Die Reihe wurde mit dem 7. Buch beendet und so hätte es auch bleiben sollen. :(

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    1. Ich bin so froh, dass du das genauso siehst wie ich. Der Punkt der es mir am schwierigsten gemacht hat, war der, dass das Buch an sich gar nicht mal so schlecht war - wäre es kein Harry Potter Ableger gewesen. Die ganze Fortsetzung widerspricht eigentlich allem, was JKR jemals gesagt hat und der gesamten Quintessenz der Bücher. Es klingt leider wirklich wie eine FanFiction. Ja, es hätte wirklich bei dem 7. Buch bleiben sollen...

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