10. Festival des neuen japanischen Films


Die Friedensstadt Osnabrück feierte vom 01.11.16 bis zum 08.11.16 das 10. Festival des neuen japanischen Filmes. In Form von Workshops, Anime und Realverfilmungen wurden Besuchern des Festivals die japanische Kultur nahe gebracht. Ich selber habe mir das Spektakel natürlich nicht entgehen lassen. - Und mit wem könnte man das Fest zum japanischen Film besser feiern, als mit japanisch lernenden Studenten?

Japan. Was kann einem der rund 9.000 Kilometer weit entfernte Staat alles bieten? Dieser Frage habe ich mich, eine von Hollywood und Blockbustern verwöhnte Filmenthusiastin, direkt zu Beginn des Festivals angenommen. Japan ist flächenmäßig der viertgrößte Inselstaat der Welt, von daher dürfte es keine Überraschung sein, auch dort großartige Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseure zu finden. Nichts desto trotz war mir der japanische Film zu Beginn noch so gut wie fremd. Umso besser, dass ich eine japanisch lernende Studentengruppe um mich hatte, die mich mit ihrem Wissen füttern konnten. Wer bis jetzt also wie ich dachte, Japan sei vor allem Anime, Manga, Origami, Sushi, Geishas und Kimonos, der liegt immerhin nicht vollkommen falsch. Zwar wurden während der vergangenen Tage auch immer wieder eine Sushi-Bar, Origami-, Kalligrafie und Manga-Workshops angeboten, doch der Fokus dieses Festivals lag definitiv auf dem japanischen Film. Ich wurde jedes Mal wieder überrascht, überwältigt und bestätigt gleichermaßen. Das auf vollkommen unterschiedliche Weisen. Von den 14 gespielten Filmen möchte ich mich aber auf drei beschränken:

Chasuke's Journey
Viele Tränen, viel Blut und viele epische Kampfszenen. Obwohl es ein Klischee sein mag, genau das von einem japanischen Film zu erwarten, hat Chasuke’s Journey all diese Kriterien vollständig erfüllt.
„Im Himmel wird hektisch gearbeitet. Denn dort erdenken zahlreiche Drehbuchautoren die Biographien der Erdbewohner – und das in ständiger Zeitnot. Das ist die Ausgangssituation des Filmes. Weil Gott nun aber mehr Avantgarde fordert, schreibt einer der Autoren eine Biographie um, indem er darin den Ort für einen Heiratsantrag verändert. Damit setzt er eine Kettenreaktion in Gang, in deren Verlauf die stumme Yuri bei einem Autounfall stirbt. Diese unvorhergesehene Folge sorgt bei einigen Autoren für Protest. Kurzerhand wird der Teeservierer Chasuke auf die Erde geschickt, um Yuri zu retten. Allerdings lässt sich der für das Missgeschick verantwortliche Autor nicht so einfach ins Handwerk pfuschen. Mit allen erdenklichen Tricks versucht er Chasuke an seiner Mission zu hindern.“ - japanfilm-os.de 
Während so mancher Szene des Filmes habe ich mich in die Map Perlenmarkt aus der Battlefield 4 Erweiterung „Dragon’s Teeth“ zurückversetzt gefühlt: Hektische Kamerafahrten, Verfolgungsjagten und viel Adrenalin. Auf der anderen Seite standen kitschige Romantik, philosophische Weltanschauungen und einfache Komödie. Sollte man mich nun fragen, in welches Genre „Chasuke’s Journey“ fällt, würde ich antworten, alle, aber in keines so richtig. Doch egal wie abstrus der Film auch gewesen sein mag, er hat mich durchgängig gut unterhalten und immer wieder aufs Neue überrascht. [Spoiler] Was mir hingegen nicht gefiel, war das Ende, das meiner Meinung doch zu sehr nach Happy Ending ächzte. [Spoiler Ende]


The World of Kanako
Brutaler ging es da schon in The World of Kanako zu. Obwohl mir Thriller gefallen und ich auch die wenigsten Horrorfilme auslasse, hat mich dieser Film an so mancher Stelle schwer schlucken lassen. Der Film übertrumpft sich selbst stetig an Gewalt-, Blut- und vulgären Szenen. Nichts desto trotz ist er zu meinem Favoriten des Festivals geworden.
Ex-Cop Akikazu (YAKUSHO Koji) fristet sein Dasein als heruntergekommener Supermarktdetektiv mit Hang zum Alkohol. Als seine Tochter Kanako (KOMATSU Nana) verschwindet, begibt er sich auf eine qualvolle und bald rasende Suche, die verstörende Enthüllungen bereithält. Denn der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen und Kanako hat eine verheerende Spur aus Drogen, Sex und Gewalt hinterlassen. Akikazu steht einer Verdorbenheit gegenüber, die alles, was ihm lieb war, demaskiert – und ihm zugleich einen grellen Spiegel vorhält.“ - japanfilm-os.de
Der Film an keiner Stelle vorhersehbar, die schnellen Schnitte, die Kamera- und Stilwechsel und insbesondere die Musik haben mir außerordentlich gut gefallen und ich habe von Anfang an bis Ende mit den Charakteren mitleiden können. Besonders überragend fand ich die Schauspielerin Nana Komatsu, die die Kanako selbst spielte. Besonders erfrischend ist mir aufgefallen, dass The World of Kanako nicht in das Hollywood-übliche Schwarz/Weiß-Schema rein gefallen ist, in dem jeder Charakter entweder böse oder gute Absichten hat.


Patema Inverted
Natürlich dürfen auch Anime nicht beim japanischen Filmfest fehlen. All meine Erfahrungen mit Anime haben sich bislang auf Serien beschränkt, umso gespannter war ich auf Patema Inverted - und ich wurde nicht enttäuscht.
Das Mädchen Patema lebt mit ihrem Volk tief unter der Erde. Ein tief verzweigtes Tunnelsystem führt in die „Danger Zone“, die zu betreten untersagt ist. Doch Patemas Forscherdrang ist zu groß und so steigt sie immer tiefer hinab und landet an der Erdoberfläche. Hier trifft sie auf den Jungen Age, für dessen Volk die Schwerkraft in die entgegengesetzte Richtung wirkt. Während Age sich hier ganz normal bewegen kann, mit festem Boden unter den Füßen, muss Patema fürchten in den Himmel zu fallen. Wenn Age sie also festhält, funktioniert das nur, weil er etwas schwerer ist als sie. Mit ihr zusammen ist er aber so leicht, dass er große Sprünge machen kann. - japanfilm-os.de
Patema Inverted ist ein wirklich unglaublich schöner, liebevoll gestalteter Film. Überzeugend waren in meinen Augen weniger die Charaktere, sondern viel mehr die Story, die Idee und die Umsetzung. Die Musik hat die zweifellos fantastischen Szenerien malerisch unterstrichen und mich immer wieder zum Lächeln gebracht. Am Ende des Filmes fühlte ich mich selbst schon ein wenig andersrum und bin ins Schwanken geraten, was zweifellos für die unübliche Kameraführung und den interessanten Erzählstil des Filmes spricht.


Fazit
Schlussendlich lässt sich zusammenfassen: Beim 10. Festival des japanischen Films war wirklich alles dabei. Von Workshops, japanischer Kultur, japanischer Lebensweise und Bräuchen, über Herzschmerz, Humor und wunderbaren Thriller. Doch nicht nur das Angebot als solches hat facettenreich aufgetrumpft: Auch das Publikum hätte bunter nicht sein können. So habe ich mich selbst mit japanisch lernenden Studenten durch das Festival geschlagen, bin aber jedem anderen Typ Mensch begegnet. Herzerwärmend war es insbesondere bei Patema Inverted ein schätzungsweise 80 Jahre altes Paar Händchen haltend und voller Lebensfreude gemeinsam den Film genoss und sich bei den romantischen Szenen verliebt anlächelte. Alle Filme waren auf Japanisch, unterlegt mit deutschen oder englischen Untertiteln und in meinen Augen hat genau das einen Großteil der Atmosphäre ausgemacht.

Ich muss wirklich sagen, mir hat das 10. Festival des japanischen Films in Osnabrück wirklich sehr gut gefallen. Insbesondere The World of Kanako ist mir nachhaltig positiv im Gedächtnis geblieben. Beinahe schon ist es schade, dass ich bislang nicht weiter als bis nach Hollywood geblickt habe und ich freue mich darauf, auch in Zukunft den ein oder anderen japanischen Klassiker zu sehen.
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Über Nonsense Entertainment

Hinter Nonsense Entertainment verbirgt sich Vollzeitgeek, Motion Picture-Enthusiastin und Internetfreundin Sarah Weiher. Besonders gerne befasst sie sich mit der Internetkultur, Rollenspielen, Science Fiction-Literatur, Netflix Serien und dem Storytelling.

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