Wieso »Gilmore Girls: A Year in the Life« enttäuscht hat

Gilmore Girls: A Year in the Life

Gilmore Girls: A Year in the Life macht es seinen Zusehern nicht einfach. Oder, um es mit den Worten von Lorelai auszudrücken, das ist eine total verzwickte Situation, so als ob man sich für oder gegen eine Dauerwelle entscheiden müsste. An dieser Stelle möchte ich eine Spoiler-Warnung für die nachfolgenden Inhalte aussprechen.

Neun Jahre lang haben Fans auf das Comeback der Gilmore Girls warten müssen. Neun lange Jahre hat man sich gefragt, ob Rory es geschafft hat groß raus zu kommen, ob Lorelai endlich zur Ruhe gekommen ist und ob Emily sich endlich mit ihrer Tochter vertragen konnte. Neun lange Jahre wurden innerhalb eines Nachmittags zu Nichte gemacht. Das Format von 4 Episoden mit Spielfilmlänge geht bei den Gilmore Girls nicht auf. Die Serie, deren Staffeln sonst rund 22 Folgen á 40 Minuten umfassten, lebt von ihrer Detailverliebtheit, ihren Dialogen und den Entwicklungen ihrer Charaktere. All das konnte, aufgrund der eingeschränkten Episodenanzahl und des gleichzeitig großen Handlungszeitraumes von einem Jahr, nicht umgesetzt werden.

Das Problem mit der Glaubwürdigkeit
Die Karriere von Rory Gilmore, gespielt von Alexis Bledel, ist nicht so verlaufen wie erwartet. Obgleich Rory in der letzten Folge der siebten Staffel noch zuversichtlich mit Obama in den Wahlkampf gezogen ist, hat sie die letzten Jahre keinen Fuß fassen können. Sie hat keinen Job, sie ist keine Star-Journalistin und sie ist weiter von ihrem Idol, CNN-Reporterin Christiane Amanpour, entfernt denn je. Mittellos und perspektivlos, ohne Wohnung und Absicherung, fliegt sie im gleichen Atemzug von Kontinent zu Kontinent, wohnt in den edelsten Wohnungen und lebt das Leben eines echten Stars. Dieser Widerspruch, der so gegen den Charakter von Rory stößt, die stets bescheiden war, und der während des gesamten Revivals nicht erklärt wird, stört. Selbst als Tailor Rory im Verlauf der Serie einen Job bei der Zeitung von Stars Hollow anbietet, lehnt sie eine Bezahlung ab. Das Thema des Geldes, das in den sieben Staffeln der Originalserie eine so wichtige Rolle gespielt hat, wird auf einmal völlig außer Acht gelassen.


Doch auch Lorelai hat es nicht besser getroffen. Es wirkt beinahe so, als sei sie neun Jahre auf der Stelle getreten. Sie ist nicht verheiratet, sie hat keine Kinder mehr bekommen, sie hat sich nicht verändert und sie ist im Begriff Sookie und Michel zu verlieren. Die Tatsache, dass Lorelai während der gesamten Serie und während des gesamten Revivals so wenig Entwicklung abgeliefert hat, lässt sie blass, zu gezwungen und teilweise nervig erscheinen. Mit 49 Jahren ist Lauren Graham nun einmal nicht mehr das hübsche, naive Ding, das sie zuvor als Lorelai Gilmore in der Serie dargestellt hat und das Lorelai so liebenswürdig machte. Mittlerweile lässt sie ihre Art nur noch unreif erscheinen.

Zu wenig Screentime für die echten Stars
Emily Gilmore, gespielt von Kelly Bishop, ist der heimliche Star der Serie. Kelly Bishop präsentiert sich in Bestform, ihr Charakter ist glaubwürdig, legt in dem gesamten Revival die größte Veränderung hin und wächst einem mehr ans Herz, als sie es während der gesamten sieben Staffeln zuvor geschafft hat. Sie ist glaubwürdig, echt und bringt Charme in die Serie. Auch Liza Weil, die Paris Geller verkörpert, hat mir sehr gut gefallen, ihre Charakterentwicklung hat Spaß gemacht und dennoch ist noch genug von der alten Paris übrig, um in Nostalgie zu verfallen. Das Problem der Serie lag wohl darin, diesen Charakteren zu wenig Screentime einzuräumen. Auch Melissa McCarthy (aka Sookie St. James) hat die ersten drei Episoden merklich gefehlt. Sogar von Yanic Truesdale (aka Micehl Gerard) hätte ich wesentlich viel mehr sehen können - obgleich die plötzliche Enthüllung seiner Homosexualität unpassend aufgenommen und eingebunden wurde, wobei die Idee großartig war. Auch die anderen Nebencharaktere aus Stars Hollow wurden lieblos in die Story mit eingebunden und wirkten wie Lückenfüller, um die Gilmore Girls in besserem Licht darstehen zu lassen.

Das Stars Hollow Musical
Am störendsten und langatmigsten stellte sich jedoch das Stars Hollow Musical dar, das völlig banal und unpassend in die Serie eingebunden wurde und viel zu viel Zeit einnahm, ohne wesentlichen Einfluss auf die Story zu nehmen. Das Musical hat mir, ähnlich wie es Lorelai in der Serie erging, nicht gefallen, wenn auch aus anderen Gründen. Zu viel Zeit ist dafür verloren gegangen, zu wenig Handlungsstränge wurden deswegen zu Ende ausgeführt und zu das Musical hat sich zu lang gezogen. Ähnlich erging es mir bei dem plötzlichen Auftauchen von Logan und dessen Freunden in Stars Hollow, die schlussendlich mit Rory eine wilde und abstruse Nacht verbrachten, bei der ich nur die Augen verdrehen konnte. Zu Unglaubwürdig und zu weit her geholt erschien mir das ganze.
Paris Geller schaltet genervt den Fernseher aus

Schlussendlich hat mich das Revival nur daran erinnert, wie gut die echten Gilmore Girls eigentlich waren. An das Gefühl, das die alte Serie auslöste, konnte das Revival einfach nicht anknüpfen. Die Serie funktioniert nur Dank der Nostalgie, die an jedem Pflasterstein, jeder Laterne und jedem Ast von Stars Hollow klebt.

Nonsense-Bewertung: 2 von 5 Punkten
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Über Nonsense Entertainment

Hinter Nonsense Entertainment verbirgt sich Vollzeitgeek, Motion Picture-Enthusiastin und Internetfreundin Sarah Weiher. Besonders gerne befasst sie sich mit der Internetkultur, Rollenspielen, Science Fiction-Literatur, Netflix Serien und dem Storytelling.

3 Kommentare:

  1. Ich habe die Serie damals hin und wieder während den Hausaufgaben geschaut. Das Revival hört sich ja wirklich nach einer mittlerschweren Katastrophe an. Und ich dachte schon Akte X sei durchwachsen :D

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    1. Ist es leider auch, dabei habe ich die ursprüngliche Serie auch eigentlich sehr gemocht. :/ Falls du dir das irgendwann mal ansiehst, sag mir gerne, wie enttäuscht du auf einer Skala von "Sehr" bis "Unerbittlerlich" warst. :D

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